
Du verdrehst dich oben auf einer Leiter oft nur im Oberkörper, weil Umstellen gerade zu mühsam wirkt. In der Buchhandlung in der Großen Elbstraße stelle ich mir diese Frage öfter, als mir lieb ist - meistens genau in dem Moment, in dem die Rückengesundheit zur Nebensache wird und das Ziehen im Kreuz zurückkommt. Seit ich über Wirbelsäulentherapie genauer auf solche Alltagsbewegungen achte, habe ich trotzdem keine endgültige Antwort gefunden, nur zwei Methoden, die ich seitdem gegeneinander abwäge, je nachdem, was mich im Regal erwartet.
Für mich gibt es im Buchhandel-Alltag zwei Wege, ein hohes Regal zu sortieren, ohne dass der untere Rücken den Nachmittag bezahlt: oben bleiben und in einem Zug durchziehen, oder in Etappen gehen und den Bücherwagen als Zwischenstation nutzen. Welche der beiden Varianten meinem Rücken tatsächlich etwas bringt und welche nur schneller aussieht, als sie ist, hängt für mich inzwischen weniger von der Disziplin als von der Reihenfolge ab.
Bevor ich überhaupt bei dieser Unterscheidung angekommen bin, hatte ich einiges ausprobiert, das nicht funktioniert hat. Kinesiologie-Tape quer über das Kreuz zum Beispiel - sah entschlossen aus unter dem Hemd, hat aber an meinem eigentlichen Verhalten oben auf der Leiter nichts verändert. Das Tape konnte schließlich nicht entscheiden, wann ich die Leiter versetze und wann ich mich einfach nur drehe.
Rückengesundheit zwischen zwei Regalstrategien
Da ist zunächst die Leiter selbst. Die DIN EN 131 regelt, wie stabil sie gebaut sein muss, und laut Berufsgenossenschaft liegt die maximale Standhöhe für Stufenleitern ohne Haltevorrichtung bei ungefähr zwei Metern. Ein Standard-Bücherkarton bringt dabei locker 15 Kilogramm auf die Stufe. Keine dieser Zahlen sagt dir allerdings, was du oben mit deinem eigenen Gewicht anstellst, sobald das gesuchte Buch zehn Zentimeter außerhalb deiner bequemen Reichweite liegt.

Genau dort trennen sich die beiden Strategien. Die größte Versuchung auf der Leiter ist das hastige Eindrehen: Regal links, Leiter frontal, und anstatt zwei Stufen runterzusteigen und die Leiter zu versetzen, dreht man nur den Oberkörper. Ob das zum Problem wird, hängt davon ab, ob du oben bleibst und durchziehst oder ob du dir die Zeit für Etappen nimmst.
Oben bleiben und durchziehen
Die erste Methode ist die, die ich jahrelang fast automatisch gewählt habe. Du kletterst einmal hoch, nimmst dir den ganzen Stapel vor und arbeitest dich Regalbrett für Regalbrett durch, ohne wieder runterzusteigen. Bei einer schmalen Abteilung mit wenigen Titeln ist das ehrlich die schnellere Wahl, und ich mache es bis heute so, wenn ich die Klassiker-Reihe nur um zwei, drei Bände ergänze.
Sobald das Regal aber breiter ist als deine Armspannweite, wird aus der schnellen Methode genau das Problem von oben: du stehst statisch, die Hüfte bleibt stur in eine Richtung gedreht, während der Oberkörper nach links und rechts pendelt. Solveig Torp, eine Stammkundin, die alle zwei Donnerstage vorbeikommt, hat mich dabei neulich beim Kassieren beobachtet und nur gesagt: 'Du stehst da oben wie angewachsen.' Mehr Kommentar brauchte es nicht, um mir klarzumachen, wie steif ich tatsächlich wirkte.
In Etappen: der Bücherwagen als Zwischenstation
Die zweite Methode braucht mehr Geduld. Ich sortiere vorher am Bücherwagen, bilde dort schon die Stapel für die einzelnen Regalbretter und fahre dann nur mit der jeweils nötigen Menge nach oben. Jeder Gang nach oben wird kürzer, dafür steige ich öfter. Das bedeutet auch, die Leiter tatsächlich zu versetzen, statt sie als festen Punkt zu behandeln, um den sich mein Oberkörper drehen muss.

Als ich letzten Donnerstag den vollbeladenen Wagen durch den Mittelgang schob, ist mir aufgefallen, dass meine Schultern nicht nach vorne hingen wie sonst - ich stand einfach aufrecht, ohne bewusst daran zu denken. Das war keine große Erleuchtung, nur ein kurzer Moment, in dem der Rücken sich an eine bessere Gewohnheit erinnert hat, die ich mir sonst extra vornehmen muss.
Am Volkspark Altona am Waldrand bin ich an jenem Nachmittag noch eine Runde gegangen, nur um aus dem Laden raus zu sein, und habe dabei an Ronja gedacht, die mich überhaupt erst auf Wirbelsäulentherapie aufmerksam gemacht hat. Am nächsten Tag lag wie so oft nur ein Link in meinem Postfach, ohne ein Wort dazu. So macht Ronja das.
Welche Methode passt zu deinem Regal?
Oben bleiben und durchziehen passt, wenn das Regal schmal ist, der Stapel klein und du die Leiter ohnehin kaum mehrfach versetzen müsstest - dann lohnt sich die zweite Methode kaum, und du verlierst nur Zeit. Die Etappen-Methode mit dem Bücherwagen lohnt sich dagegen, wenn der Stapel schwer ist, das Regal breiter als deine Reichweite oder dein Rücken an diesem Tag ohnehin schon vorbelastet ist. Dann ist jeder zusätzliche Gang nach oben günstiger als jede zusätzliche Drehung im Kreuz.
Mit der Zeit achte ich auch auf Dinge, die eher am Rand liegen: wie ich die Hüfte beim Treppensteigen zur Leiter hin öffne, wie aufrecht meine Brustwirbelsäule bleibt, wenn ich ein Buch über Kopfhöhe greife, und wie sehr die Rumpfmuskulatur mitarbeitet, sobald ich den Karton nah am Körper statt mit ausgestreckten Armen trage. Das sind keine Übungen, die ich hier im Detail erkläre - nur Beobachtungen, die mir zeigen, welche Methode an welchem Tag die bessere ist.

Ich habe mir die Unterscheidung zwischen beiden Methoden kurz notiert, zwei Zeilen, nicht mehr, und beim nächsten Mal auf der Leiter merke ich schon beim Hinstellen, welche der beiden ich heute brauche. Darüber habe ich früher schon geschrieben, warum den Hüftbeuger dehnen bei Rückenschmerzen nach langem Stehen so wichtig ist, und genau dieses Gefühl für den eigenen Körper entscheidet am Ende auch oben auf der Leiter, welcher Weg der richtige ist. Wer lieber bei klassischen Ansätzen bleiben möchte, findet in meinem Text über Wirbelsäulentherapie bei chronischen Verspannungen statt klassischer Massagen eine andere Perspektive auf dieselbe Frage.
Keine der beiden Methoden macht die Leiter sicherer, als die DIN-Norm es erlaubt, und keine ersetzt einen Arztbesuch, wenn der Schmerz nicht nur zieht, sondern ausstrahlt. Aber zwischen oben bleiben und in Etappen gehen liegt für mich der Unterschied zwischen einem Nachmittag, nach dem ich noch gerade stehen kann, und einem, nach dem ich es nicht kann.