
Warum schmerzt der untere Rücken nach zwei Stunden Stehkonzert oft mehr als nach einem kompletten Arbeitstag zwischen Bücherregalen? Diese Frage habe ich mir gestellt, seit ich aus der Rindermarkthalle in Altona nach Hause gekommen bin, die Ohren noch leicht taub, das Kreuz so fest, dass ich mich erst an den Küchentisch setzen musste, bevor überhaupt ans Kochen zu denken war. Vier Tage die Woche stehe ich neun Stunden in der Buchhandlung in der Großen Elbstraße — Konzert-Rücken kenne ich trotzdem als sein ganz eigenes Kapitel, seit mein Leinen-Heft voll ist mit genau solchen Sonntagabend-Notizen. Langes Stehen ist offenbar nicht gleich langes Stehen, und in diesem Text sammle ich, was sich aus meiner Rücken-Selbsthilfegruppe in Altona, aus dem eigenen Heft und aus ein paar unschönen Konzertabenden dazu ergeben hat.
Wie sich Konzert-Rücken in der Rindermarkthalle anfühlt
Die Rindermarkthalle hat einen nackten Betonboden, keinen Millimeter Parkett, keine Teppichauflage irgendwo im Saal. Nach etwa zwei Stunden merkte ich, wie sich das Ziehen im unteren Rücken langsam lauter machte als die Musik auf der Bühne. Kein stechender Schmerz, eher ein dumpfes Wegsacken im Kreuz, als würde die ganze Last der zwei Stunden direkt nach unten durchschlagen. Auf dem Betonboden stand ich fast komplett still, eingekeilt zwischen Leuten, die sich kaum bewegten.
In der Buchhandlung dagegen bin ich nie wirklich statisch. Drei Schritte zum Computer, bücken zu den Kinderbüchern, strecken zum obersten Lyrik-Fach — der Körper wechselt ständig die Position, ohne dass ich groß darüber nachdenke. Beim Konzert fehlte genau das: Bewegung, die der Rücken von selbst einfordert. Das war für mich der eigentliche Unterschied, nicht die Standdauer allein.

Hilft ständiges Gewichtverlagern wirklich gegen langes Stehen?
Kurze Antwort: nicht so, wie ich es lange gemacht habe. Früher bin ich bei jedem längeren Stehen unruhig von einem Bein aufs andere getreten, habe das Becken gekippt, mich mal links, mal rechts hängen lassen — in der Annahme, das würde die Last verteilen. Das Gegenteil war der Fall: Ständiges aktives Ausweichen ermüdet die tiefe Rumpfmuskulatur schneller, als die meisten denken, weil sie ununterbrochen kleine Korrektionen nachschieben muss.
Wer die Gelenke stattdessen kurz blockiert, um Ruhe zu finden, verfällt meistens Sekunden später in eine noch hektischere Ausgleichsbewegung. Genau in diesem Wechsel zwischen Erstarren und Überkorrigieren schießt bei mir der Schmerz ein. Sinnvoller ist eine ruhige Grundspannung, bei der die Gelenke durchlässig bleiben, ohne dass die Mitte ständig nervös hin- und herpendelt.
Was ich vor dem Konzert vorbereite
Bevor ich zum nächsten Gig gehe, denke ich inzwischen kurz über die Schuhe nach — nicht die schicksten, sondern die, bei denen ich den Boden unter der Sohle noch spüre, ohne dass jeder Stein durchschlägt. Dazu kommen die paar Minuten, die Rücken stärken ohne Geräte: Meine Wirbelsäulentherapie Erfahrungen für zuhause beschreibt und die ich sonst morgens mache, wenn Blasius die Matte nicht gerade für sich beansprucht. Es sind keine großen Übungen, eher ein kurzes Aufwecken der Haltemuskulatur, bevor der Abend überhaupt losgeht.
Muss ich beim langen Stehen sofort reagieren, wenn das Kreuz zieht?
Ja, aber nicht mit großen Gesten. Anstatt von links nach rechts zu kippen, versuche ich, das Gewicht gleichmäßig über die ganze Fußsohle zu verteilen — Ferse, Außenkante, Ballen — und dann nur noch minimale Bewegungen im Becken zu machen, kaum größer als ein Millimeter. Das reicht oft aus, um die Haltemuskulatur zu entlasten, ohne dass ich mich komplett neu hinstellen muss. Die Hüfte darf dabei ruhig ein bisschen beweglich bleiben, statt in einer Position zu erstarren.

Der Blick einer Physiotherapeutin aus dem Haus
Finja wohnt zwei Stockwerke über mir und ist von Beruf Physiotherapeutin, gibt mir aber so gut wie nie ungefragt Tipps. Als sie neulich abends im Treppenhaus mit ein paar Kuchenresten aus ihrer Praxis vorbeikam, habe ich sie einfach direkt gefragt, was sie von meinem Konzert-Rücken hält. Ihre Antwort war erfrischend unspektakulär: Der Körper mag Wechsel, egal ob im Stehen, Sitzen oder Liegen, und ein einzelner harter Abend macht noch keinen Dauerschaden, solange man ihm danach die Möglichkeit gibt, sich wieder zu lösen.
Mehr wollte sie nicht sagen, und ich habe nicht weiter nachgehakt. Genau das schätze ich an ihr: Sie behandelt mich nicht wie eine Patientin, nur weil ich zufällig unter ihr wohne.
Der Morgen danach: der erste Schritt aus dem Bett zählt
Wie sich ein Konzertabend auf hartem Boden am nächsten Morgen anfühlt, hängt stark davon ab, was ich direkt danach mache. Lege ich mich einfach nur hin, wache ich am nächsten Tag steif wie ein zugeklapptes Taschenmesser auf. Morgendliche Steifheit im Rücken lindern: Meine Routine für den Tag im Verkauf beschreibt das Muster, das mir inzwischen vertraut ist: Der erste Weg aus dem Bett entscheidet oft mehr über den restlichen Tag als alles, was danach kommt.

Also rolle ich die Matte trotzdem noch kurz aus, auch wenn die Ohren noch pfeifen und ich eigentlich nur schlafen will. Blasius hat sich diesmal kaum beschwert und ist stattdessen einfach neben mir liegen geblieben, während ich das Becken sanft im Liegen bewegt habe, die Füße aufgestellt, nichts Wildes. Danach kam ein leises Lösen im unteren Rücken, kein Knacken, eher ein Gefühl, als könnte die Wirbelsäule nach Stunden der Anspannung wieder etwas weiter werden.
Vor ein paar Wochen ist mir im Lager aufgefallen, wie viel sich seitdem verändert hat: Ich bin mit einer Kiste der neuen Hanser-Bücher die Lagertreppe hochgelaufen und oben angekommen, ohne stehen bleiben zu müssen, um kurz die Hand ins Kreuz zu stemmen. Früher war genau das fast automatisch — die Treppe hoch, kurz anhalten, Rücken sortieren. Diesmal einfach weitergegangen.
Was beim letzten Mal nicht geklappt hat
Nicht alles funktioniert. Ein Kirschkernkissen nach dem Abendessen auf den unteren Rücken gelegt, in der Hoffnung, die Wärme löst die Verspannung von selbst — das habe ich einige Male probiert, und es hat bei mir schlicht nichts gebracht außer einem warmen Rücken für zehn Minuten. Wärme allein ersetzt offenbar keine Bewegung.
Bei einem Gruppentreffen in Altona hat mich Thordis neulich sehr genau gefragt, in diesem langsamen, präzisen Ton, den sie einfach hat: ob ich wirklich glaube, dass ein paar Millimeter Beckenbewegung mehr bringen als ein bewusst gewählter Sitzplatz weiter hinten im Saal. Ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht sicher, aber der Sitzplatz ist bei den meisten Konzerten sowieso keine Option, also übe ich lieber das, was ich im Stehen tatsächlich beeinflussen kann.
Muss ich jetzt weniger auf Konzerte gehen?
Nein, aber ich gehe anders hin als früher. Die Frage kommt in der Gruppe regelmäßig, meistens von Leuten, die Angst haben, dass jede Belastung den Rücken automatisch schlimmer macht. Genau diese Angst sorgt manchmal dafür, dass man sich noch mehr schont, noch steifer wird und am Ende noch empfindlicher auf jede Belastung reagiert. Ein Konzert auf hartem Boden ist kein Beweis dafür, dass bei dir etwas kaputt ist — es ist eine Belastung, auf die der Rücken eine Reaktion zeigt, ungefähr so wie auf einen neuen Stapel Bücher im Lager.
Was mir am meisten hilft, ist wahrscheinlich gar nicht die einzelne Übung, sondern wie ich mich im Raum überhaupt halte — ob vor einer Bühne oder hinter der Ladentheke. emotionale Blockaden lösen und Rückenschmerzen im Alltag nachhaltig lindern beschäftigt mich seit einiger Zeit genau deswegen: wie viel von dem Ziehen im Kreuz eigentlich mit Anspannung zu tun hat, die gar nicht direkt mit dem Rücken selbst zu tun hat.
Seit über zwei Jahren schreibe ich sonntags solche Beobachtungen auf, und der Kugelschreiber kratzt inzwischen leise, weil die Mine bald leer ist. Falls du das nächste Mal lange auf hartem Boden stehst, heißt das für mich vor allem: weiche Knie, Gewicht auf dem ganzen Fuß, kleine statt große Bewegungen, und ein Ohr für den Moment, in dem der Rücken anfängt, lauter zu werden als die Musik.
Ich bin keine Physiotherapeutin und keine Ärztin, nur eine Buchhändlerin mit einem Leinen-Heft und ein paar zu vielen Konzertabenden auf hartem Boden. Wenn der Schmerz bei dir ausstrahlt oder gar nicht mehr weggeht, gehört das in eine Praxis und nicht in ein Heft.