
Eine Tube Ibuprofen-Gel aus der Apotheke unter der Kasse ist etwas anderes als ein Leinen-Heft auf dem Küchentisch. Das eine betäubt für ein paar Stunden, das andere hat meinen Verkaufsalltag in der Buchhandlung tatsächlich verändert. Lange hab ich auf das Gel gesetzt, jeden Morgen vor dem Dienst, in der Hoffnung, dass der Zug im unteren Rücken einfach verschwindet, bevor ich die erste Kiste aus dem Lager hole. Seit ich mit der Wirbelsäulentherapie nach Reichl angefangen habe und sonntagabends hier in Altona aufschreibe, was die Woche mit meinem Rücken gemacht hat, sieht meine Rückengesundheit spürbar anders aus. Dieser Eintrag handelt von den Morgen, an denen ich aus dem Bett steige und mich wie eine alte, klemmende Standuhr fühle, kurz vorm Stillstand, aber noch tickend.
Meine Freundin war es, die mich im Frühling zur Wirbelsäulentherapie gebracht hat – mitten in einem Töpferkurs in Ottensen hat sie mir zwischen zwei frisch gedrehten Schalen erzählt, ihr Rücken sei seither ruhiger geworden. Ich war skeptisch. Bis dahin hatte ich mein Heil in der Apothekentube gesucht, die ich mir vor jedem Dienst großflächig auf den unteren Rücken schmierte.
Die Tube Ibuprofen-Gel vor dem Dienst
Das Gel half, aber nur so, wie ein Regenschirm bei Sturm hilft: kurz, unvollständig, und ohne dass sich am eigentlichen Problem etwas ändert. Es betäubte die Oberfläche, während der Rücken darunter weiter steif blieb, jeden Morgen aufs Neue. Nach ein paar Wochen hab ich verstanden, dass ich damit nur den Wecker austrickse, nicht den Rücken.
Zwischen Kasse und Bestellliste vom Hanser-Verlag blieb selten Zeit, groß über den eigenen Rücken nachzudenken. Aber irgendwann reicht die Zeit eben doch – wenn die Steifheit jeden Morgen zuverlässiger ist als der Wecker.
Weshalb die Wirbelsäulentherapie morgens aufs Dehnen verzichtet
Am Morgen ist der Rücken einfach empfindlicher, das hab ich am eigenen Leib gemerkt – warum genau, überlasse ich lieber den Fachleuten. Bei der Wirbelsäulentherapie nach Reichl geht es morgens weniger ums Dehnen als um sanftes Anspannen, das Prinzip dahinter hab ich in einem anderen Eintrag ausführlicher aufgeschrieben, hier reicht die Kurzfassung.
Statt mich wie früher gleich morgens tief nach vorne zu beugen, aktiviere ich jetzt kurz die Muskulatur, die den unteren Rücken trägt, bevor sie die ersten Bücherstapel des Tages abbekommt. Kein großes Programm, eher ein Wachrütteln in kleinen Dosen.
Seit sechs Wochen probiere ich aus, jeden Morgen genau zehn Minuten für diese kleine Anspannungsroutine einzuplanen, bevor der erste Tee überhaupt fertig ist. Die zehn Minuten sind kein Geheimnis, eher eine Wiederholung dessen, was ich schon in Rücken stärken ohne Geräte: Meine Wirbelsäulentherapie Erfahrungen für zuhause beschrieben habe: keine Geräte, nur Aufmerksamkeit.

Zwischen Kasse, Leiter und Lager im Verkauf stehen
Neun Stunden am Stück auf den Beinen, vier Tage die Woche, verändern, wie sich ein Rücken am Ende des Tages anfühlt. Wer so lange steht, kompensiert automatisch – meistens ohne es zu merken, bis irgendwo ein Zwicken anfängt.
Wenn ich mich über einen Stapel Neuerscheinungen beuge, um sie ins unterste Regal zu räumen, spüre ich den Bund der Hose fest gegen den Bauch drücken – ein zuverlässiges Zeichen, dass ich die Bewegung aus der Hüfte hole und nicht aus dem Kreuz. Das ist die Art von Feedback, für die ich keine App brauche.
Auf der Leiter ist es ähnlich. Der Griff nach dem obersten Regal war früher der Moment, in dem ich kurz innegehalten hab, aus Angst vor einem Ziehen. Mittlerweile ist es einfach ein Griff, ohne Drama.
Samstags gehe ich manchmal früh zum Fischmarkt in Altona, mit einem vollen Stoffbeutel in der einen Hand, und merke, dass sich unten im Rücken nichts meldet, obwohl der Beutel ordentlich zieht. Auch die Körpermitte spielt dabei eine Rolle, wie genau, hab ich in einem anderen Eintrag zum Thema Beckenboden trainieren bei Rückenschmerzen aufgeschrieben – hier reicht der Hinweis, dass ich seither bewusster durch den Bauch atme, wenn ich mich bücke.

Die Bücherkiste verrät, was sich in Woche 6 verändert hat
Letzten Donnerstag hab ich eine ganze Kiste mit Nachbestellungen in einem Zug die Lagertreppe hochgetragen, ohne oben abzusetzen und den Rücken durchzudrücken, so wie ich es monatelang gemacht hab. Das fiel mir nicht als große Erleuchtung auf, einfach als Kiste, die ich anders getragen hab als sonst.
Es war ungefähr Woche sechs, seit ich die Morgenroutine konsequent durchziehe. Kein rundes Jubiläum, nur ein gewöhnlicher Donnerstag, an dem sich etwas leiser verschoben hatte.
Nicht jede Woche läuft so rund. Diesen Dienstag hab ich die Übungen ganz ausgelassen, weil der Wecker nicht ging und ich fluchend ins Bad gerannt bin – der Rücken hat sich den Rest des Tages entsprechend gemeldet, mit diesem alten, altbekannten Ziehen.
Die Kundin, die donnerstags immer nach dem einen Doppelgänger-Band fragt, den wir nie finden, erinnert mich unfreiwillig daran, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen. Der Rücken ist kein Projekt, das man abhakt, sondern eher wie eine Regalordnung, die man immer wieder nachjustiert.
Was ich mittlerweile mitnehme, ist simpel: Der Rücken merkt sich nicht die große Geste, sondern die kleine Vorbereitung davor. Die zehn Minuten am Morgen zählen offenbar mehr als jede Tube Gel in der Tasche.
Ich bin keine Physiotherapeutin, nur eine Buchhändlerin mit einem Leinen-Heft und einer Meinung zu Romanen mit älteren Erzählerinnen. Wenn dein Rücken wirklich schlimm zieht oder der Schmerz nicht weggeht, gehört das in die Hände eines Orthopäden oder einer Physiotherapeutin, nicht in ein Sonntagabend-Tagebuch.