
Es ist dieser eine Moment am späten Sonntagnachmittag, wenn das Licht über der Elbe dieses matte, fast staubige Grau annimmt und der Wasserkocher in meiner Altonaer Küche leise zu singen beginnt. Ich sitze am Holztisch, die Finger streichen über den kalten, leicht rauen Leineneinband meines Notizhefts. Draußen ziehen die Kräne im Hafen ihre Kreise, und hier drinnen ist es so still, dass ich das Klicken des Heizkörpers höre. Blasius, mein schwarzer Kater, hat sich bereits auf der Matte zusammengerollt, die ich vorhin zwischen dem Bücherregal und dem Küchentisch ausgebreitet habe. Er weiß genau: Jetzt kommt meine Zeit.
Die letzte Woche war intensiv. Eine große Lieferung vom Hanser-Verlag kam an, dazu die üblichen Remittenden und das ständige Umräumen für die neue Auslage. Wenn ich abends die Buchhandlung in der Großen Elbstraße abschließe, fühle ich mich oft, als wäre ich um ein paar Zentimeter geschrumpft. Mein Rücken formt ein fragwürdiges Fragezeichen, und mein Nacken fühlt sich an wie eine festgezogene Klavierseite. Es ist der klassische 'Bücher-Buckel', den ich seit neun Jahren kultiviere – erst unbewusst, und seit etwa 2022 mit einem ziehenden Schmerz, der mich daran erinnert, dass ich keine 20 mehr bin.
Das Gewicht der Geschichten: Warum Bücher einsortieren auf den Nacken geht
In der Buchhandlung bewegen wir mehr Masse, als man von außen vermutet. Eine Standard-Buchkiste wiegt gut und gerne 15 kg. Wenn man diese Kisten aus dem Lager wuppt, sie auf den Bücherwagen hievt und dann Titel für Titel in die Regale sortiert, macht man hunderte von kleinen, repetitiven Bewegungen. Man bückt sich tief zu den unteren Fachböden und reckt sich im nächsten Moment über zwei Meter Höhe, um den neuen Bildband ganz oben zu platzieren. Besonders an einem grauen Montag im letzten November spürte ich das extrem: Jedes Mal, wenn ich ein schweres Hardcover in die Hand nahm, fühlte es sich an, als würde ein unsichtbares Lot mein Kinn direkt auf das Brustbein ziehen.
Wir Menschen haben sieben Halswirbel, die den Kopf tragen sollen, aber beim Einsortieren vergessen wir diese Statik oft. Wir starren auf die Buchrücken, kontrollieren Bestellscheine und fixieren die Auslage. Mein Nacken übernimmt dabei die ganze Haltearbeit, während meine Schultern nach vorne fallen. Dieser Rundrücken ist keine Bosheit meines Körpers, sondern eigentlich ein Versuch, das Gleichgewicht zu halten, während ich schwere Stapel balanciere. Aber am Sonntagabend, wenn ich hier in Altona sitze, rächt sich diese Haltung.

Die Entdeckung der Brustwirbelsäule hinter den Buchstapeln
Lange Zeit dachte ich, ich müsste einfach nur meinen Nacken dehnen. Ich habe meinen Kopf von links nach rechts geneigt, bis es knackte, und gehofft, dass die Spannung verschwindet. Aber nach etwa vier Monaten meiner Sonntagsnotizen – das war so um den Februar herum – begriff ich durch die Übungen der Wirbelsäulentherapie etwas Entscheidendes: Das Problem sitzt eine Etage tiefer. Es sind die zwölf Brustwirbel, die bei uns Buchhändlern oft wie einzementiert wirken. Wenn dieser Bereich der Wirbelsäule unbeweglich wird, muss der Nacken das kompensieren.
Ich erinnere mich an eine Woche während des Frühjahrs-Ansturms. Die Kunden standen Schlange, und die Frau, die jeden Donnerstag nach diesem einen speziellen Doppelgänger-Band sucht, war besonders anstrengend. Mein Rücken war dicht. Anstatt mich wie früher sofort in heftige Dehnübungen zu stürzen, fing ich an, die Übungen einfach nur 'sein zu lassen'. Ich legte mich auf die Matte und spürte erst mal nur das Gewicht meines Körpers. In der Wirbelsäulentherapie nach Reichl geht es oft darum, den Raum zwischen den Wirbeln wieder zu finden, anstatt gegen den Schmerz anzukämpfen.
Ein wichtiger Aspekt, den ich gelernt habe: Man darf den Rundrücken nicht sofort mit Gewalt 'aufbrechen'. Viele Ratgeber sagen, man solle die Brustmuskulatur sofort maximal dehnen. Aber mein Körper hat mir gezeigt, dass das oft zu viel ist. Wenn der Nacken schon schreit, führt ein aggressives Aufreißen der Brust oft nur zu noch mehr Gegenspannung. Ich versuche stattdessen, die überlastete Nackenmuskulatur erst einmal durch bewusste Entspannung zur Ruhe zu bringen. Erst wenn der Nacken merkt, dass keine Gefahr droht, lässt er zu, dass ich mich in der Mitte wieder aufrichte. Das ist ein leiser Prozess, kein Workout.
Meine Sonntagabend-Routine zwischen Küche und Klassikern
Wenn ich heute auf die Matte gehe, ist das kein Pflichtprogramm mehr. Es ist eher wie das Sortieren eines unordentlichen Regals nach einem langen Samstag. Ich fange meistens damit an, ganz flach auf dem Rücken zu liegen. In dem Moment, in dem meine Schulterblätter endlich in die Matte schmelzen, passiert es oft: Ein plötzlicher, tiefer Atemzug erreicht endlich den Boden meiner Lungen. Es ist, als würde ein inneres Korsett aufgeschnürt.
Ich nutze Übungen, die die Brustwirbelsäule sanft mobilisieren, ohne sie zu forcieren. Manchmal merke ich dabei, wie fest die Muskulatur um meine Rippen ist – kein Wunder, wenn man den ganzen Tag flach atmet, während man schwere Kisten schleppt. Ich habe auch festgestellt, dass meine Füße eine Rolle spielen. Wer neun Stunden an der Theke und auf der Leiter steht, dessen Fundament ist oft ermüdet. Ich habe darüber mal etwas geschrieben, als ich merkte, wie sehr meine Fußgymnastik gegen Rückenschmerzen mir bei diesen langen Schichten hilft.
Letzten August, als es so heiß war und die Luft in der Buchhandlung stand, habe ich die Übungen fast eine ganze Woche lang ausfallen lassen. Ich war einfach zu müde. Am Sonntag saß ich dann mit meinem Leineneinband-Heft da und musste ehrlich zu mir selbst sein: Der Rücken zog wieder stärker. Die Disziplin ist bei mir kein starrer Plan, sondern eher eine Form der Selbstfürsorge. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung; ich bin eine Frau, die gerne Romane mit älteren Erzählerinnen liest und die gelernt hat, dass zehn Minuten auf der Matte mehr bewirken als jede teure Massage, die ich mir früher gegönnt habe.

Was ich gelernt habe: Geduld statt Gewalt
Ein Rundrücken verschwindet nicht durch eine einzelne Übung, die man mal eben zwischen zwei Kunden einschiebt. Er verschwindet durch die Summe der Momente, in denen man sich erlaubt, wieder weit zu werden. Wenn ich in der Buchhandlung am Bücherwagen stehe, versuche ich heute öfter, die Schultern nicht zu den Ohren zu ziehen. Ich erinnere mich an die sieben Halswirbel und die zwölf Brustwirbel und versuche, sie als eine fließende Einheit zu begreifen, nicht als starre Stange.
Oft hilft es schon, den Blick bewusst vom Boden oder vom Bestellschein zu lösen und kurz aus dem Fenster auf die Elbe zu schauen. Dieses Nackenschmerzen durch häufiges nach unten schauen ist ein echtes Berufskrankheits-Thema bei uns. Aber die eigentliche Arbeit passiert am Sonntagabend in Altona. Wenn Blasius von der Matte aufsteht und mich auffordert, endlich sein Futter zu richten, fühle ich mich meistens wieder ein Stück weit 'einsortiert'.
Ich notiere mir dann in mein Heft: 'Woche 24 – Schultern fühlen sich leichter an. Die 15-kg-Kiste heute Morgen war okay. Nacken ruhig.' Es sind diese kleinen Siege, die zählen. Falls du selbst mit solchen Themen zu tun hast, ist mein wichtigster Rat: Sei geduldig mit deinem Körper. Er trägt dich den ganzen Tag durch die Regale. Wenn die Schmerzen allerdings akut sind oder gar nicht weggehen wollen, solltest du das auf jeden Fall mit einem Orthopäden oder deinem Hausarzt abklären, bevor du mit irgendwelchen Übungen startest. Ich bin nur eine Buchhändlerin, die ihre Erfahrungen teilt, keine Expertin.
Jetzt schlage ich mein Heft zu. Der Wasserkocher ist schon längst wieder still, und das Grau über dem Hafen ist fast Schwarz geworden. Morgen früh um neun stehe ich wieder in der Großen Elbstraße, aber ich weiß jetzt, wie ich mich am Abend wieder gerade rücke. Und das ist vielleicht das wertvollste Buch, das ich je gelesen habe: mein eigener Körper.'