
Blasius sitzt auf der Fensterbank und maunzt, bis ich ihn hochhebe. Der Moment, in dem sich sonst mein unterer Rücken meldet, bleibt diesmal aus. Kein Ziehen, kein kurzes Innehalten vor der Bewegung, einfach ein schwarzer Kater in meinen Armen, an einem ganz normalen Donnerstagmorgen vor der Frühschicht. Seit rund zwei Jahren mache ich jetzt regelmäßig Fußgymnastik, und solche Momente häufen sich, nicht jeden Tag, aber öfter, als ich am Anfang gedacht hätte. Weil mir seitdem laufend Fragen dazu geschrieben werden, sammle ich hier die häufigsten und beantworte sie so ehrlich, wie ich kann.
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Was mir Leserinnen und Kolleginnen am häufigsten schreiben
Die Fragen kommen aus zwei Richtungen. Aus der Buchhandlung in der Großen Elbstraße, wo Kolleginnen sehen, wie ich zwischen zwei Kundengesprächen kurz die Zehen spreize. Und per Mail, seit ich über meine Übungen schreibe. Birke Hartung zum Beispiel, eine Leserin, die selbst zwanzig Jahre unterrichtet hat, vergleicht das lange Stehen vor der Klasse gern mit dem Stehen an der Kasse, und trifft dabei öfter den Punkt, als mir lieb ist. Genau solche Fragen beantworte ich jetzt, eine nach der anderen, statt sie einzeln per Mail durchzugehen.
Bringt Fußgymnastik wirklich etwas für die Rückengesundheit?
Meine ehrliche Antwort: ja, aber nicht als Wundermittel, sondern als ein Baustein unter mehreren. Wenn deine Schuhe am Ende der Schicht drücken, obwohl sie morgens noch locker saßen, ist das für mich ein Hinweis, dass die Fußmuskulatur den Tag nicht mehr trägt, und genau da setzt Fußgymnastik an, nicht am Rücken selbst. Wie deine Füße den Boden spüren, wirkt sich auf deine gesamte Körperstatik aus, das ist der Grund, warum ich bei den Füßen anfange statt beim Kreuz. Eine feste Regel dazu: Wenn ich merke, dass ich beim Stehen mein Gewicht auf die Außenkanten der Füße verlagere, ist das für mich das Signal, kurz bewusst gegenzusteuern, bevor der Rücken es ausgleichen muss.
Die Anregung dazu kommt ursprünglich aus Reichls Wirbelsäulentherapie, wo ein Modul sich ausschließlich mit den Füßen beschäftigt. Ich war zuerst skeptisch, ich wollte Hilfe für meinen Rücken, nicht für meine Zehen, aber genau dieses Umdenken hat sich für mich am meisten gelohnt. Das ist übrigens etwas anderes als klassische Physiotherapie, das ist aber ein eigenes Thema für sich.

Die eine Übung, die nach jeder Schicht bleibt
Von allem, was ich ausprobiert habe, ist ein kleiner Holzball das, was wirklich hängen geblieben ist. Wenn im Laden kurz Ruhe ist, rolle ich mit der Fußsohle darüber, keine drei Minuten lang. Es fühlt sich an, als würde eine festgefahrene Schublade wieder leichtgängig, eine warme Welle, die von der Wade bis fast zum Steißbein zieht. Das hat vermutlich mit den Faszien in der Fußsohle zu tun, aber das ist wieder ein eigenes großes Thema. Andere Übungen aus dem Kurs, etwa das einzelne Bewegen der Zehen, schaffe ich seltener, weil sie Konzentration brauchen, die mir nach neun Stunden Theke oft fehlt.
Wenn du selbst lange stehst, ob im Verkauf, in der Gastronomie oder im Lager: Meine Notizen dazu, wie ich ein Hohlkreuz beim langen Stehen vermeide, hängen eng mit dieser Fußarbeit zusammen, beides betrifft dieselbe Kette von Fuß bis Becken.
Was, wenn du elf Stunden in Sicherheitsschuhen stehst?
Eine Stammkundin, die als Krankenschwester im Schichtdienst arbeitet, hat mich genau das mit einem müden Lachen gefragt: Zehen spreizen, in Sicherheitsschuhen, nach elf Stunden Nachtschicht? Realistisch kaum. Da hilft Fußgymnastik in ihrer klassischen Form wenig, weil die Muskulatur schon erschöpft ist, bevor irgendein Training überhaupt ansetzen könnte. Was in so einem Fall eher zählt, ist das Gegenteil: bewusstes Gewicht-Verlagern zwischendurch, ein kurzes Abrollen im Stehen, kleine Bewegungen, die weder Pause noch freien Fuß brauchen.
Für Menschen in Pflegeberufen ist die Standhaltung deshalb noch einmal anders gelagert als für mich hinter der Theke, ich kann wenigstens theoretisch mal kurz aus den Schuhen schlüpfen. Physiotherapeutin bin ich nicht, Ärztin erst recht nicht, deshalb sage ich klar: Bei anhaltenden oder starken Beschwerden gehört das erst zum Orthopäden oder zur Hausärztin, bevor irgendjemand allein herumprobiert.

Wo Fußgymnastik an ihre Grenzen kommt
Bevor ich zur Wirbelsäulentherapie kam, habe ich es allein probiert: Yoga-Videos von YouTube, ausgerollt auf dem Wohnzimmerboden, ohne Anleitung, ohne Struktur. Es hat nichts gebracht, jedenfalls nicht für meinen Rücken, die Übungen waren nicht auf Steharbeit oder auf meine Füße zugeschnitten, und ich wusste nie, ob ich etwas falsch mache oder ob es einfach zu wenig war. Erst als jemand aus meinem Umfeld mir konkret von den Fußmodulen erzählte, habe ich verstanden, wo bei mir eigentlich das Problem lag.
Auch jetzt klappt nicht alles. Es gibt Tage, an denen die Matte gar nicht erst ausgerollt wird, weil die Schicht mich leerer zurücklässt, als mir lieb ist. An solchen Tagen gehe ich manchmal lieber barfuß am Elbstrand in Övelgönne, das ist keine Übung im eigentlichen Sinn, tut aber ähnlich gut. Rumpfstabilität wäre noch ein ganz anderes Thema, das ich hier bewusst außen vor lasse. Fußgymnastik ersetzt für mich keine echte Erholung, und sie ersetzt erst recht keine ärztliche Abklärung, wenn etwas ernsthaft schmerzt statt nur zu ziehen.

Der Unterschied, den ich am Ende spüre
Helene, meine Kollegin an der Theke der Großen Elbstraße, sieht es mir inzwischen an, bevor ich selbst merke, dass der Tag zu lang war, sie fragt dann einfach kurz, ob ich schon meinen Holzball dabeihabe. Solche kleinen Momente sagen mehr als jede Selbsteinschätzung am Abend.
Für die eigentliche Körperarbeit bleibt Reichls Wirbelsäulentherapie für mich der Ausgangspunkt, gerade weil sie langsam vorgeht und keine schnellen Versprechen macht. Nebenbei höre ich manchmal Abschnitte aus Phaenomen Leben, während ich die Füße mobilisiere, nicht, weil es etwas Körperliches erklärt, sondern weil es den Kopf weitet, während die Hände beschäftigt sind.
Falls du selbst den ganzen Tag stehst, egal ob im Verkauf, in der Pflege oder in der Gastronomie: Fang bei den Füßen an, auch wenn es zu simpel klingt, um viel zu bringen. Wenn du dazu mehr lesen willst, findest du hier meine Notizen, wie ich ein Hohlkreuz beim langen Stehen im Verkauf vermeide, oder wie ich meine steife Hüfte nach einem langen Tag mobilisiere. Pass auf deine Füße auf, sie tragen dich durch den ganzen Tag.