Rückenschmerzen beim Spazierengehen lindern durch Entlastung der Wirbelsäule

Dreißig Minuten am Kassenband, und meine Hüfte kippte kein einziges Mal zur Seite. Früher, etwa ab Minute zwanzig, sackte sie immer nach rechts weg, ein Ziehen, so vertraut, dass ich es kaum noch bemerkt habe. Diesmal nicht. Solveig, die alle zwei Wochen donnerstags mit einem Stapel Bücher an die Kasse kommt, hat es zuerst gesehen, nicht ich – sie steht selbst neun Stunden am Tag als Kassiererin und hat einen Blick für so etwas. Dieser Sonntagstagebuch-Eintrag handelt von einem Irrtum, der sich in Sachen Rückengesundheit hartnäckig hält: dass man die Wirbelsäule beim Spazierengehen vor allem durch einen geraden Rücken entlastet und so ohne Schmerzen geht. Stimmt so nicht. Es geht ums Becken, nicht um die Haltung, die im Buchhandelsalltag gern als „aufrecht" verkauft wird.

Der Mythos vom kerzengeraden Rücken

Wer beim Gehen Rückenschmerzen hat, hört oft denselben Rat: Brust raus, Schultern zurück, Rücken gerade halten. Klingt vernünftig, fast wie eine Regel aus dem Verkaufstraining. Nur bringt eine bewusst gerade gehaltene Wirbelsäule keine Entlastung. Sie bringt Spannung.

Mein unterer Rücken wird nach wenigen Minuten hart wie ein durchgestandenes Regalbrett, wenn ich mich zwinge, gerade zu gehen. An der Kassentheke sehe ich dasselbe bei Kolleginnen, die sich aufrichten, während sie Bestellscheine sortieren, als würde eine steife Haltung allein für Ordnung sorgen. Sie tut es nicht.

Nahaufnahme einer Hand, die im Sonntagstagebuch Notizen zur Rückengesundheit und Wirbelsäule-Entlastung festhält, vor einem Bücherregal.

Warum ein ruhiges Becken mehr entlastet als eine gerade Haltung

Was ich mittlerweile prüfe, ist nicht die Haltung des Oberkörpers, sondern ob das Becken bei jedem Schritt ruhig bleibt oder seitlich wegkippt. Eine steife Hüfte macht dieses Ausgleichen schwerer, das ist allerdings ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufmachen will. Genauso, wie viel Arbeit das Iliosakralgelenk bei jedem Schritt übernimmt, würde hier zu weit führen. Wer wie Solveig oder ich eher steht als geht, bringt eine andere Vorbelastung mit, dafür gibt es andere Übungen, die ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben habe. Die Füße und ihr Kontakt zum Boden spielen ebenfalls mit rein, aber auch das ist eine andere Geschichte für einen anderen Sonntag. Die Rumpfmuskulatur muss dabei nicht angespannt, sondern einfach wach sein, ein Unterschied, der sich schwerer erklären als spüren lässt.

Das Tape half nicht, und das war lehrreich

Bevor ich auf die Idee mit dem Becken kam, habe ich anderes ausprobiert. Ein Kinesiologie-Tape, quer über das Kreuz geklebt, sollte stützen und stabilisieren. Ich trug es drei Tage unter dem Pullover, bei jedem Griff ins oberste Regal ein leichtes Ziehen an der Haut, sonst: nichts. Der Rücken zog beim Gehen genauso wie vorher, das Tape hat höchstens beim Duschen gestört. Ich habe es abgezogen und nicht wieder gekauft.

Wenn dir das mit der Steifigkeit am Morgen bekannt vorkommt, unabhängig vom Gehen: Ich habe dazu an anderer Stelle eine kurze Morgenroutine gegen die erste Steifheit aufgeschrieben.

Ruhiger Weg mit Hafenkränen im Hintergrund bei sanftem Licht, Sinnbild für bewusstes Gehen zur Entlastung der Wirbelsäule bei Rückenschmerzen.

Am Waldrand des Volksparks änderte sich mein Schritt

Der Volkspark Altona hat diesen Weg am Waldrand, wo die Bäume den Wind bremsen und der Boden weich genug ist, um jeden Schritt zu spüren. Dort probiere ich es aus, wenn ich testen will, ob eine Idee taugt oder nur gut klingt. Statt mich aufzurichten, lasse ich das Becken einfach mitschwingen, wie eine Waage, die sich bei jedem Schritt kurz neu einpendelt. Nach den ersten Metern fühlt sich das falsch an, fast schlaff. Nach einer Weile ist es das Gegenteil: Der untere Rücken bleibt weich, und das Ziehen, das sonst nach einer Viertelstunde einsetzt, bleibt aus.

Was ich dort übe, ist bewusstes Gehen in seiner einfachsten Form: nicht schneller, nicht gerader, nur aufmerksamer, wohin das Gewicht wandert.

Das merkt auch eine Kassiererin

Solveig kam letzten Donnerstag wieder mit ihrem Bücherstapel an die Kasse, zur gewohnten Zeit. Ich habe sie gefragt, was sie bemerkt hat. Sie meinte nur, mein Gewicht würde jetzt „mitgehen" statt zu kippen – genau das Gefühl, das sie selbst kennt, wenn eine Schicht gut läuft. Wir tauschen solche Sätze inzwischen öfter aus, meistens zwischen Scannen und Tütenpacken, nie lang. Was sie beschreibt, ist eigentlich dasselbe Prinzip wie beim Gehen: Es hilft nicht, sich hinzustellen wie ein Brett. Es hilft, das Gewicht wandern zu lassen.

Prüf beim nächsten Spaziergang dein Becken, nicht deinen Rücken

Der Test, den ich dir mitgeben kann, ist einfach, auch ohne Matte oder Heft: Geh ein paar Minuten und leg die Aufmerksamkeit auf die Hüfte statt auf die Schultern. Kippt sie bei jedem Schritt spürbar zur Seite, oder bleibt sie ruhig? Das sagt mehr über die Entlastung der Wirbelsäule aus als jeder Blick in den Spiegel. Manche Leute, mit denen ich darüber rede, vermeiden das Gehen inzwischen ganz, aus Sorge vor dem nächsten Ziehen – auch das ist ein eigenes Thema, das mehr Platz braucht, als hier ist. Für mich reicht die Übung mit dem Becken erst einmal, um wieder gern länger unterwegs zu sein, ohne bei jedem Schritt zu rechnen, wann es wehtun wird.

Meinen Blick auf Rückenschmerzen überhaupt hat weniger eine einzelne Übung verändert als ein Buch, über das ich an anderer Stelle mehr geschrieben habe – wie Phänomen Leben meine Sicht auf chronische Rückenschmerzen veränderte –, lange bevor ich wusste, dass es beim Gehen vor allem ums Becken geht. Zuhause trage ich solche Sätze dann ins Leinenheft ein, auf der Matte zwischen Bücherregal und Küchentisch, während Blasius auf dem Fensterbrett döst und die Elbe als schmaler heller Streifen hinterm Glas liegt.

Ich bin keine Physiotherapeutin, keine Ärztin, nur eine Buchhändlerin mit einem Leinenheft und einem Kater auf der Matte. Was am Kassenband und am Waldrand für mich funktioniert, muss bei dir nicht genauso greifen. Aber wenn du das nächste Mal spazieren gehst und der Rücken zieht, probier es trotzdem: Becken beobachten, nicht den Rücken geradeziehen.

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

Verwandte Artikel