
Vierzehn Buchrücken breit ist die Lücke zwischen dem Tisch mit den Neuerscheinungen und dem Regal für zeitgenössische Prosa bei uns in der Großen Elbstraße – gerade breit genug, dass ich mich beim Durchqueren jedes Mal seitlich drehen muss, rechter Arm nach hinten gestreckt. Genau in dieser Drehung meldet sich das Ziehen zwischen meinen Schulterblättern, ein Punkt, an dem meine Brustwirbelsäule, kurz BWS, sich bemerkbar macht wie eine Kollegin, die sich räuspert, bevor sie etwas sagt. Als Buchhändlerin führe ich seit einer Weile ein Tagebuch über meinen Rücken, und in diesem Heft ist inzwischen ein eigenes Kapitel entstanden: welche Alltagsübungen gegen genau diesen Schmerz etwas bringen, und welche nur gut klingen, ohne dass sich am Sonntagabend wirklich etwas ändert.
Ich bin keine Physiotherapeutin oder Heilpraktikerin. Ich habe kein Medizinstudium abgeschlossen, sondern vor Jahren mein Germanistik-Studium abgebrochen, um in dieser kleinen Literaturbuchhandlung mein Auskommen zu finden. Alles, was hier steht, sind persönliche Beobachtungen einer Frau, die vier Tage die Woche neun Stunden an der Theke steht, Kisten schleppt und auf Leitern klettert. Wenn du echte Beschwerden hast, gehört das in die Hände einer Ärztin oder eines Orthopäden, nicht in ein Leinenheft.
Hilft Wärme wirklich gegen das Ziehen zwischen den Schulterblättern?
Nach dem Abendessen griff ich lange Zeit zum Kirschkernkissen, warm gemacht, auf den Rücken gelegt, während ich noch die Bestelllisten vom nächsten Tag durchsah. Für eine Weile auf dem Sofa war das angenehm, fast schon ein kleines Ritual. Nur: Am nächsten Morgen an der Kasse war das Ziehen wieder da, oft kaum verändert, manchmal sogar schärfer, sobald ich mich zur ersten Kundin drehte.
Was meine Brustwirbelsäule angeht, weiß ich inzwischen nur so viel: Die Brustwirbelsäule ist der unbeweglichste Abschnitt am Rücken, mehr will ich davon hier gar nicht aufdröseln – das ist Stoff für einen anderen Text. Für mich zählt vor allem, was ich abends spüre und was am nächsten Arbeitstag noch davon übrig ist. Und da hat mir Wärme allein, so schön sie im Moment war, langfristig wenig gebracht.

Im Laden lehne ich mich stattdessen manchmal kurz gegen das kühle, massive Eichenholz unserer Philosophie-Abteilung, presse die Schulterblätter dagegen und atme zweimal tief durch, bevor die nächste Kundin an der Theke steht. Dass neun Stunden Stehen an der Theke einen eigenen Ausgleich brauchen, ist noch mal ein eigenes Thema, das ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben habe – hier reicht der kurze Moment am Regal.
Der Bücherwagen als Gegenprobe zur Ruhe
Beim Schieben des Bücherwagens durch den Gang zur Kinderbuchecke ist mir neulich aufgefallen, dass ich die Schultern nicht mehr hängen lasse, sondern aufrecht dagegenhalte, fast so, als würde der Wagen mich stützen und nicht umgekehrt. Kein spektakulärer Moment, eher ein kleiner Ruck im Bewusstsein – aber genau daran habe ich gemerkt, wie viel Haltung mit diesem Ziehen zwischen den Blättern zu tun hat, nicht nur Anspannung.
In der Rindermarkthalle Altona probierte ich dasselbe am Samstag darauf beim Einkaufen aus: Tüten in beiden Händen statt einseitig über der Schulter, Brustkorb offen statt eingesackt zwischen den Ständen. Es fühlte sich zuerst albern an, mitten zwischen Käsetheke und Gemüsestand bewusst auf die eigene Haltung zu achten. Aber der Rücken abends war ruhiger als sonst nach so einem Einkaufsweg.
Zwei Alltagsübungen, ein Rücken: Wärme gegen Bewegung
Zwei Ansätze also, die sich in meinem Heft inzwischen gegenuberstehen: Ruhe und Wärme auf der einen Seite, bewusste Bewegung mitten im Tag auf der anderen. Die Grundidee der Wirbelsäulentherapie, mit der ich mich seit einer Weile beschäftige, hab ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, hier reicht die Kurzfassung: mehr Weite schaffen, statt Druck aufzubauen. Und Weite entsteht bei mir eher in Bewegung als auf dem Sofa.
Freitagnachmittag, kurz vor Ladenschluss, suchte eine Kundin nach einer bestimmten Ausgabe von Virginia Woolf, natürlich ganz oben im Regal. Ich schnappte mir unsere Trittleiter, streckte den Arm aus, und da war es wieder, dieses scharfe Ziehen zwischen den Blättern. Diesmal versuchte ich etwas anderes: nicht die Schulterblätter zusammenpressen, sondern das Brustbein sacht nach vorne oben heben, während ich nach dem Buch griff.

Dass die Brustwirbelsäule beweglich bleibt, ist ein eigenes Kapitel, das an anderer Stelle genauer erklärt wird – ich beschreibe hier nur, was ich auf der Leiter gemerkt habe: ein leises Knacken oben im Rücken, kein Schmerz dabei, eher ein Gefühl von Platz, das vorher nicht da war. Ob das die Übung war, der Zufall oder beides zusammen, kann ich nicht sicher sagen.
Woran ich inzwischen erkenne, was mein oberer Rücken braucht
Finja aus dem zweiten Stock, meine Nachbarin, ist Physiotherapeutin, und wenn wir uns abends im Treppenhaus über den Weg laufen, erzähle ich ihr manchmal von diesen kleinen Entdeckungen. Sie hört zu, nickt, sagt aber selten mehr, solange ich sie nicht direkt frage. Neulich wollte ich von ihr wissen, worin sich ihre Physiotherapie eigentlich von der Wirbelsäulentherapie unterscheidet, mit der ich mich beschäftige – sie wich aus, meinte nur, das sei ein Gespräch für einen ruhigeren Abend.
Thordis aus unserer Rückengruppe, die sich einmal im Monat in Altona trifft, hat ein feines Gespür dafür, wenn jemand übertreibt. Als ich ihr von der Sache mit dem Bücherwagen erzählte, hob sie nur eine Augenbraue und fragte, ob ich das jetzt für geheilt halte. Nein, natürlich nicht. Am Anfang hatte ich sogar Angst, mich beim Dehnen falsch zu bewegen und alles noch schlimmer zu machen, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ich hier nicht aufrolle.
Der untere Rücken meldet sich bei mir übrigens anders als der obere, eher bei stressigen Wochen im Lager als bei einzelnen Bewegungen – auch das ein eigenes Thema, genau wie das Iliosakralgelenk weiter unten, das mit alldem hier wenig zu tun hat. Rumpfstabilität spielt sicher mit rein, aber auch das spare ich mir für einen anderen Eintrag auf.
Morgens bleiben mir meist nur ein paar Minuten auf der Matte, bevor der Laden aufschließt, und wie genau diese kurze Routine aufgebaut ist, gehört in ein anderes Kapitel. Was ich dort mitnehme, ist eher das bewusste Atmen in den Brustkorb hinein als eine bestimmte Übungsfolge, und was manche Faszienarbeit nennen würden, rühre ich hier gar nicht erst an.
Eine einfache Faustregel für den BWS-Alltag zwischen den Regalen
Wärme gönne ich mir inzwischen abends, wenn der Tag vorbei ist und nichts mehr ansteht außer Sofa und Buch. Bewegung braucht es tagsüber, wenn der Rücken eigentlich weiterarbeiten muss – am Regal, am Wagen, an der Kasse. Das eine ersetzt das andere nicht. Aber müsste ich mich für einen Arbeitstag auf nur eins festlegen, wäre es die Bewegung, nicht das Kissen. Wer mehr darüber lesen will, wie sich das mit den Füßen verbindet, findet das in meinem Text darüber, warum ich in Altona öfter barfuß laufe um meinen Rücken zu entlasten.
Der Geruch nach Karton und Klebstoff aus dem Lager hängt mir manchmal noch am Pullover, wenn ich zuhause die Matte ausrolle und Blasius sich skeptisch daneben setzt. Kein großer Moment, nur ein gewöhnlicher Sonntagabend mit einem Heft, das langsam voller wird.

Morgen ist wieder ein neuer Stapel Bestellungen dran, neue Geschichten, dieselbe Theke. Aber wenn ich zwischen zwei Regalreihen kurz innehalte, bevor ich greife statt zu reißen, merke ich den Unterschied jedes Mal aufs Neue – klein, unspektakulär, aber echt.